Ereignisbericht
Der Tag beginnt ganz unspektakulär. Aufstehen, am Computer
sitzen, einkaufen, Frühstücken, wieder am Computer sitzen, den
Tagebucheintrag vom Donnerstag machen, ein bißchen über die
Welt- und Gegenwartsgeschichte philosophieren, sich über dies
oder jenes aufregen. Ganz unspektakulär, wie schon erwähnt.
Aber im Hinterkopf rumort immer noch der Plan. Ganz überzeugt
bin ich davon aber nicht. Das bin ich selten, wenn ich eine Sache
anfange.
Ich setze mich gegen ein Uhr am frühen Nachmittag in die
Badewanne. Natürlich will man frisch gebadet in Stuttgart
erscheinen. Zunächst sitze ich also da im warmen Wasser, das nur
beim Einstieg immer heißer ist als man für erträglich hält,
lese die neueste Ausgabe von "Auto, Motor und Sport",
nasche saure Pommes (ein mäßig gesäuertes Gummibärchen-Derivat)
und je weiter die Uhr fortschreitet, desto weniger Lust habe ich,
die Badewanne zu verlassen. Ich weiß ja, was nun folgt und
irgendwie erzeugt das bei mir unbehagen.
Dennoch hangele ich mich einfach von Stufe zu Stufe. Wie bei
einer Sprossenleiter, die einem unerklimmbar erscheint und wo man
unbeirrt, obwohl man daran zweifelt, wie automatisch eine Sprosse
nach der anderen höher steigt. Anziehen, das Geld einstecken,
die restlichen Quarktaschen als Marschverpflegung einpacken und
zum Auto schlendern. Das Hauptunbehagen verursacht in diesem
Moment das Auto. Mir hat es schon einmal ein Radlager zerbröselt.
Das Auto war dann zwar noch fahrbar, aber nicht mehr besonders
gut und sicher. Wenn das nun in Stuttgart passiert, dann gute
Nacht. Abschleppwagen, Rückreise per Bahn. Dann geht das mächtig
ins Geld. Das könnte ein verdammt teurer Ausflug werden.
Zunächst verliere ich die Orientierung. Ich will nicht über den
Süden fahren, über Miltenberg, Buchen, etc. Ich versuche die
Westroute. Auf die A67 und von dort über die A6 auf die A81.
Doch die Hinfahrt wird zu einer Odyssee. Um Darmstadt zu
umfahren, geht es zunächst nach Babenhausen, dann nach
Dudenhofen und weil Traktoren den Weg nach Langen versperren
lande ich schlußendlich doch in Darmstadt. Der Verkehr auf der
Autobahn ist sehr dicht. Teilweise kommt es zu Stockungen.
Erschwerend das der Tachometer wieder mal ausgefallen ist. Erst
auf der Rückreise, schon in heimatlichen Gefilden, übernimmt er
wieder seinen Job und zeigt die gefahrene Geschwindigkeit an.
An einem Parkplatz halte ich an und prüfe die Temperatur an den
hinteren Radlagern. Wenn sie jetzt zu heiß gelaufen sind, dann
endet hier die Reise. Ich drehen um und fahre zurück nach
Aschaffenburg. Innerlich schwanke ich, welche der beiden Möglichkeiten
ich den Vorzug geben will. Einerseits möchte ich natürlich die
Sache endlich hinter mich bringen. Andererseits habe ich es doch
bis hierher auch geschafft ohne Experimente dieser Art. Die Lager
sind warm, beidseitig. Also keine übermäßige Erwärmung des
angeschlagenen Radlagers. Die Fahrt geht weiter.
Die Sonne macht sich auf den Weg nach unten. Sie verschwindet
hinter den Hügelketten und taucht die Landschaft in rötliches
Licht. Mannheim, Heidelberg, Heilbronn. Unaufhörlich nähere ich
mich meinem Ziel. Entsprechend nimmt die Spannung zu, die
Gelassenheit läßt nach. Im Radio immer noch HR1, den ich selbst
in Stuttgart nicht verlieren werde. "Der Tag" läuft,
meine Lieblingsradiosendung. Ludwigsburg und dann Stuttgart-Zuffenhausen.
Noch ein letzter Blick auf die Wegbeschreibung.
Von der Autobahn abfahren und dann immer nur geradeaus. Ein
Gewerbegebiet. Nicht besonders schön, sieht man mal von den
Neubauten der Porsche AG ab. Die Spannung und Nervosität steigt
weiter. Langsam rolle ich durch die Grenzstraße. Verfahre mich
zunächst. Grenzstraße 22, das Studio Arachne, ist ein schmaler
Ziegelbau, der irgendwie an eine Werkstatthalle angepappt ist.
Ende der Straße, kaum Parkplätze. Rückwärts fahre ich wieder
raus, wende und stelle den Wagen auf den Großparkplatz für
Kunden eines Blumengroßhandels. Es wird ihn schon keiner
Abschleppen. Es sind noch viele Plätze frei.
Vorsichtig schleiche ich mich heran, wie ein Detektiv in einem
zweitklassigen Kriminalroman. Als ich mir dem Auto vorgefahren
bin, sah ich einen Mann und eine Frau, wie sie bei einem grünen
Porsche-Boxster standen und sich unterhielten. Wenn die immer
noch da stehen, mache ich die Fliege. Aber sie sind weg. Sowohl
die beiden Personen, als auch der Porsche. Ich überlege kurz.
Noch kann ich gehen. Noch bin ich nicht gefangen. Ich reiße mich
am Riemen. Schließlich bin ich Extra dafür hier her gefahren.
Habe viel Benzin und viel Zeit investiert. Wenn ich jetzt
umdrehe, dann werde ich diesen Fluch nie los. Also schlendere ich
auf diesen Backsteinbau zu. In einer Seitenstraße stehen ein
paar Männer, unterhalten sich. Sie wissen bestimmt, welche
Mieter ihr Wesen in dem Haus treiben. Was die sich jetzt wohl
denken?
Ich stehe vor der Tür. Verschlossen, aber mit Klingelknöpfen an
der Seite. Die letzte Chance, es sich anders zu überlegen. Ich
drücke auf "Studio Arachne". Der Türsummer geht, ich
stehe in einem schmalen Treppenhaus. Das Haus ist insgesamt nicht
sehr breit. Ich weiß nicht, ob das Ambiente meinen Vorstellungen
entspricht. Ich habe eigentlich keine Vorstellungen. Man kann
sich nichts vorstellen, von dem man keine Ahnung hat, keinen
blassen Schimmer. Ich war noch nie in so einem Etablissement. Das
einzige was ich kenne, sind die klassischen Eros-Center in
Frankfurt. Eher abtörnend und lustmindernd. Viele Gänge, viele
Treppen. Davor Frauen, die sich wie Ware anbieten.
Vorsichtig steige ich die Treppe hoch. Frauenstimmen sind zu hören.
"Ganz nach oben", ruft eine der Stimmen. Nun denn, dann
eben ganz nach oben. Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren, in
ein weißes Lackkleid gekleidet, mit hohen weißen Lackstiefeln,
begrüßt mich. Sie heißt Lady Danya. Ich nenne meinen Namen,
verneine einen Termin und erwähne, das man Telefon gesagt hat,
ich solle einfach vorbei kommen. Sie führt mich in eine enge
Kammer. Alles schwarz, dunkel, mit der Ausstattung wie man sie
von einem Dominastudio erwartet. Sie habe gerade erst einen
Kunden gehabt, Klinik, da müsse sie erst aufräumen. Ob ich was
zu trinken will? Gerne. Sie serviert ein Glas Cola. Ich kann mich
in der Zwischenzeit mit ausliegenden Magazinen beschäftigen.
Wenn man keine Uhr hat verliert man in solchen Situationen das
Zeitgefühl. Dann endlich ist genug aufgeräumt, sie hat Zeit für
mich. Leider seien nur zwei Damen anwesend. Sie und Lady Carmen,
die aber ihrerseits beschäftigt ist. Kein Problem. Hauptsache
eine Frau, denke ich mir. Auch wenn sie nicht gerade meinem Schönheitsideal
entspricht. Doch darauf kommt es hier ja nicht an. Ich überreiche
ihr einen Brief, den ich geschrieben habe. Es fällt mir
wesentlich leichter zu schreiben, als zu reden. Zumal über
dieses Thema. Als Neuling sollte das nicht verwundern. Lady
Darnya, die auf einer Art Thron platz genommen hat, liest ihn
sich durch.
"Das ist ja ein richtiger Brief", meint sie erstaunt
und rekapituliert den Inhalt: "Also devot, Trampling, Fußerotik,
Barfuß und mit Highheels, verbale Erniedrigung, Aschenbecher,
Spucknapf."
Ich nicke und bestätige noch einmal, das alles bislang nur
Phantasien sind und meine Erfahrungen in diesem Bereich nicht der
Rede wert. Sie fragt noch nach der Zeit, die ich gerne hier
verbringen möchte. Woher soll ich das wissen? Ich sage, das ich
Dreihundert investieren möchte. Gut, das sei eine
Dreiviertelstunde, wobei man nicht auf die Uhr schaut. Damit ist
das Geschäftliche geregelt. Denn letztlich, machen wir uns
nichts vor, geht es immer um das Geschäft.
Details werden noch geklärt. Welches Schuhwerk, welches Outfit.
Letzteres ist mir ehrlich gesagt relativ egal. Darüber habe ich
mir noch nie Gedanken gemacht. Bei den Schuhen entscheide ich
mich für klassische Stiefel. Ich werde in einen anderen Raum geführt.
Viel größer, mit einem richtigen Bett und den üblichen
Utensilien. Das Bett hat einen galvanisch verzinkten Metallkäfig
mit integrierter Elektroseilwinde. Fällt mir eben auf, weil ich
in einem Betrieb gelernt habe, der Seilwinden herstellt. Es ist
schon merkwürdig, was einem so alles durch den Kopf geht. Mir fällt
zum Beispiel auf, das die Verstärkungswinkel, mit denen die
Rechteckrohre des Gestells verschraubt sind, lausig mit
Elektroden geschweißt sind. Der Fachmann sieht das eben auf den
ersten Blick. Insgesamt ist die Atmosphäre aber sehr entspannt.
Sie kommt wieder und drei blaue Scheinchen wechseln den Besitzer.
Ich kann mich jetzt duschen, heißt es. Duschen? Das ist ja
wirklich ein nobler Schuppen, denke ich mir und gehe in die
kleine Naßzelle. Nachdem ich fertig bin, werde ich wieder in den
Raum zurückgeführt. Da hier auf Diskretion größter Wert
gelegt wird, darf man sich nicht frei im Gebäude bewegen. Verständlich,
aber meinem Drang zur Neugier und dem Wunsch in jede Tür meine
Nase zu stecken, besonders dort wo "Zutritt verboten"
draufsteht, etwas zuwider. Eines Tages wird mir wahrscheinlich
eine Briefbombe mal den Kopf wegblasen, weil ich einen Karton öffne,
der nicht für mich bestimmt ist.
Dann endlich beginnt die Vorstellung. Den Anfang macht das übliche.
Füße küssen, Schuhe ablecken. Leider hat sie ihre Stiefel
nicht holen können, sondern mußte mit Riemchensandalen antreten.
Ist auch sehr hübsch. Sie hat Schuhgröße 36, vermute ich.
Genaue Größenangabe steht weder auf den Füßen, noch auf den
Schuhen. Dann muß ich mich auf das Bett legen. Rücklings. Sie
tritt mich zuerst ein bißchen. Dann stellt sie sich mit den
Schuhen auf mich drauf. Zuerst die Oberschenkel. Das ist nun
wirklich eher unangenehm. Ich stelle fest: Überall, wo größere
Muskelmassen auf einem Knochen bewegt werden können, was ja an
den Oberschenkeln der Fall ist, wird es teilweise sehr unangenehm.
Dabei hält sie sich an dem Seilzug fest. Dennoch lastet genug
Gewicht auf den Schenkeln, um zu wissen, wie sich das anfühlt.
Sie steigt wieder herunter, stellt sich dann auf die Brust. Hier
ist es viel erträglicher, auch wenn der richtige Kick ausbleibt.
Vermutlich liegt es daran, daß man es nicht richtig sehen kann.
Der optische Reiz scheint hier, zumindest in meinem Fall, viel
ausgeprägter als der physische zu sein. Aber ich halte das durch
und bin trotz allem noch weit von meiner Schmerzgrenze entfernt.
Dazu muß erwähnt werden, das ich sehr viele Schmerzen aushalten
kann. Ich bin ein zäher Bursche und verstehe es perfekt die Zähne
zusammen zu beißen. Aber das heißt deshalb nicht, das ich
diesen Schmerz auch genieße. Sie merkt das, ich hatte das ja
auch geschrieben und setzt sich auf meine Brust. Nun folgt der
Teil mit dem Spucknapf und dem Aschenbecher. Beides in der
Phantasie auch eindrucksvoller als in der Realität. Ihre Spucke
ist überhaupt nicht eklig und schmeckt zunächst nach
Pfefferminz, angenehm, anschließend nach kaltem Rauch, weniger
angenehm. Die Zigarettenasche hingegen ist fast
geschmacksneutral, erzeugt nur einen trockenen Gaumen.
Ich darf ihr die Schuhe ausziehen und mich um die nackten Füße
kümmern. Es wird überraschen, aber ich bin überhaupt kein Fußfetischist.
Nackte Frauenfüße lassen mich gelinde gesagt kalt. Entsprechend
regt sich nur wenig im Lendenbereich. Ich darf mich wieder auf
das Bett legen und bekomme nun eine Barfußtramplingeinlage. Sie
unterscheidet sich ehrlich gesagt nur wenig von der beschuhten.
Auf den Oberschenkeln eher unangenehm, aber keineswegs an den
Grenzen, auf der Brust die Atmung erschwerend, aber aushaltbar.
Als sie aber einmal vom Kopf bis zu den Beinen komplett über den
Körper läuft, muß ich sagen, das dies schon eher meiner
Vorstellung entspricht.
Hier muß ich etwas näher auf meine Vorstellung eingehen. Das
reine Trampling, eine Frau steht auf einem Mann und steigt auf
ihm herum, hat mich nie besonders fasziniert. Es ist mir
a) zu langweilig
b) nicht ganz mein Geschmack.
Aber später, als ich mich auf den Bauch legen darf und sie mit
den High-Heels über meinen Rücken läuft, dann trifft das schon
eher den Punkt. Das könnte man ruhig etwas mehr ausdehnen. Aber
langsam läuft die Zeit davon. Nun versucht sie, das bisher etwas
lethargische Teil in mehr Aufregung zu versetzen. Doch wenn
jemand auf meinen Beinen sitzt, seine Füße in mein Gesicht hält,
ist das für mich nicht unbedingt stimulierend. Erst nachdem sie
mit ihrem Fuß meine Hoden ein wenig massiert, gelingt es und
nach wenigen Minuten ist die Entspannung erreicht.
Im Grunde ging es mir auch überhaupt nicht darum. Es waren viele
Motive, die mich nach Stuttgart führten. Sexuelle Erleichterung
ist aber nicht darunter zu finden. Neugier, endlich mal was
ausprobieren, was man immer nur im Kopf hat und auf Bildern sieht
und in Texten liest. Erfahrungen machen, damit man überhaupt weiß,
wer man ist und wo die eigenen Grenzen liegen. Und endlich Ruhe
finden. Wissen ob etwas taugt oder nicht taugt. Gewißheit haben.
Ich durfte wieder unter die Dusche und bekam sogar noch ein Getränk!
Zwei an einem Abend. Da kann man nicht meckern. Wir unterhielten
uns noch ein wenig, die Atmosphäre war zwanglos und richtig
sympathisch.
Auch wenn der große Kick ausblieb, war der Ausflug ein voller
Erfolg. Denn jetzt sieht man klarer. Ich habe eine bessere
Vorstellung davon, was einen erwartet. Man muß immer erst
probieren und versuchen seine passende Position zu finden. Ich
habe schon öfters erlebt, das Dinge nicht so waren, wie sie
schienen. Im positiven, wie im negativen Sinne. Ich würde das
"Studio Arachne" auf jedenfall als positive Erfahrung
bezeichnen. Denn sie brachte mich einen großen Schritt nach
vorne.
Erst als ich wieder im Auto sitze und die Uhr sehe, wird mir
klar, das sie die vereinbarten fünfundvierzig Minuten überschritten
haben muß. Service am Kunden kann ich da nur sagen. Bei der
Heimfahrt nehme ich dann den direkten Weg. Die A81 bis hoch nach
Tauberbischofsheim. Der Kopf ist leer. Mehrere Geschichten gehen
durcheinander und der Tachometer zeigt auf der Autobahn immer
noch Null an. Hunger und Durst habe ich auch keine. Außerdem
warten Zuhause ein paar belegte Brötchen. Habe ich für den
Hinweg noch dreieinhalb Stunden gebraucht, geht es zurück mit
fast zwei Stunden sehr schnell. Auch wenn man einrechnet, das in
den Abendstunden deutlich weniger Verkehr herrscht, muß ich
meine Ortskenntnisse doch ein wenig auffrischen. Nicht sehr
schmeichelhaft für jemanden, der zu Recht von sich behauptet,
sich im deutschen Autobahnnetz auch ohne Landkarte zurecht zu
finden.
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