Berot und die Teppichabteilung
Von berot
Als die olle Mauer endlich weg war, waren hier auch ziemlich
viele Arbeitsplätze weg. Notgedrungen - Frau und Kinder hatten
Hunger - heuerte ich im gerade neu eröffneten Baumarkt an. Man
hatte ein Plätzchen in der Teppichabteilung für mich. Das war
damals fürchterliche Knochenarbeit, weil erst mal jeder einen
Teppich haben wollte. Wir haben von morgens 6 Uhr bis abends 21
Uhr ohne Pause durchgemacht und während der Öffnungszeit immer
ein freundliches Gesicht aufgesetzt (grrrrrr!). Da war noch nix
mit Teppichliften und elektrischen Teppichscheren - per Hand
wurden die Rollen hoch und runter gewuchtet und auf Knien mit
'nem popeligen Billigmesser geschnitten.
Und da sind wir auch schon auf'm Punkt: Auf den Knien! Und wer
kauft in der Teppichabteilung ein? Fast nur Frauen - Gott sei
Dank. Es gab sehr viel schnuckeliges zu bewundern. Einmal, kurz
vor Ladenschluß kam noch eine sommersprossige Mittvierzigerin
angedackelt und wollte unbedingt noch Auslegware haben. Es war
eigentlich schon Schluß und meine Kollegen waren schon beim
Umziehen. "Na gut, aber dann fix. Sie müssen aber mit
anfassen, bin hier jetzt alleine." trötete ich - schon in
freudiger Erwartung heraus. Sie hatte nämlich herrliche
Holzsandaletten mit dünnen roten Riemchen und Pfennigabsatz in
denen ganz süße Füßchen mit auffallend leuchtrot lackierten Nägeln
steckten - und so ein albernes Goldkettchen an der einen Fessel...
Nun denn, als sie endlich etwas passendes gefunden hatte, klärte
ich sie über die Qualität dieses Billigproduktes auf. "Sehen
sie mal, wie dünn die untere Schicht ist. Wenn sie da mit ihren
Absätzen drüberlaufen, sind sofort Löcher drin." - "Was,
das glaube ich nicht," sagte sie. Ich sagte ihr, daß wir
das ja gleich mal testen können - rollte etwas davon ab und
legte es auf den Boden.
"So, nun treten sie bitte hier am Rand mal kräftig mit dem
Absatz drauf." Sie trat schön kräftig auf den Teppich und
drehte dabei etwas ihren Absatz. Ich hob den Rand hoch und siehe
da - die Schaumschicht war an dieser Stelle abgegangen und klebte
nun am Betonboden. "Na das ist ja ein Scheißzeug!"
rief sie erbost und wollte schon gehen.
"Halt halt, wir haben ja auch noch was vernünftiges da,"
sagte ich schnell, weil ich ja noch was vorhatte mit ihren Füßen.
Ich rollte ihr einen Teppich mit harter Unterseite ab und ließ
sie wieder drauf treten. "Sehen sie, jetzt ist noch alles
ganz. Kommen sie, trampeln sie noch mal richtig feste drauf rum
und twisten sie mal mit dem Absatz." Au Backe, sie nahm mich
beim Wort und stellte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den
rechten Absatz. Sie schob sich mit dem linken Fuß ab und vollführte
eine ganze Drehung. Ich war mir jetzt echt nicht mehr sicher, ob
mein angepriesener Teppich das ausgehalten hat - er hat.
Erleichtert sah ich zu ihr rauf. Sie grinste schelmisch und
meinte: "Na, isser noch ganz?"
Sie war von der Ganzheit des Teppichs überrascht und wollte
davon tatsächlich was haben. Also gut - drei Meter abgerollt,
abgemessen, Schiene angelegt und Messer angesetzt. "So,
jetzt müßten sie mir bitte mal helfen damit die Schiene nicht
verrutscht. Stellen sie sich mal hier vorne drauf." Ich
dirigierte ihre fantastischen Geh-Aggregate auf die Schiene.
"Nee, sie stehen schief und jetzt ist das auch noch
verrutscht, warten sie mal, ich mache das mal genau..."
Jetzt kam's sie nahm den Fuß noch mal von der Schiene. Ich griff
die Schiene und legte sie wieder genau an die Markierung. Dabei
ließ ich meinen kleinen Finger drunter verschwinden. Sie konnte
das nicht sehen, weil von den übrigen Fingern verdeckt. "So,
nun treten sie mal genau hier drauf," sagte ich und spürte
auch schon die sagenhaften Schmerzen. Die Metallschiene quetschte
meinen Finger tief in den Teppich. Sie balancierte auf der
Schiene und hielt das andere Bein etwas hoch. Ich hatte also die
volle Ladung auf dem Finger.
Mit dem Messer schnitt ich ein Stückchen in den Teppich rein und
konnte nicht weiter, weil der Finger ja eingeklemmt war. "So,
prima und nun ein Stück nach vorn." Das Spielchen
wiederholte sich jetzt noch zigmal. Fünfzig-Zentimeterstückchen
verteilt auf vier Meter Länge - rechnet selber. Hinterher war
mein Finger taub - logisch. Das war's aber Wert - der herrliche
Anblick dieses perfekten Füßchens wie es in den Sandalen mit
dem schmalen Absatz das Gleichgewicht suchte. Und natürlich die
Nähe dazu - vielleicht zwanzig bis dreißig Zentimeter vor
meinen Augen balancierte das hübscheste, was ich auf dem ganzen
Baumarkt gesehen hatte vor meiner Nase rum. Ich hätte ja sooo
gerne mal meine Zunge an den Fuß gesetzt - ich mußte mich
ziemlich zusammenreißen.
Ich rollte ihr das gute Stück zusammen und half ihr noch, es auf
dem "Wartburg" zu verstauen. Ich hatte noch gehofft, daß
ein kleines Tierchen ihren Weg kreuzen würde - war aber nix. Man
kann ja nicht alles haben...
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