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Die Zermonie

von Sir M.


Die Stille liegt über dem Raum wie ein schwerer dunkelroter Samtvorhang. Der große Raum ist in mitternachtsblaue Dunkelheit gehüllt, die Luft ist erfüllt von fremden, beunruhigend unbekannten und zugleich animalisch vertrauten Gerüchen. Nur ein Spot markiert grell den Mittelpunkt, eine schwarze Lederfläche, eine Liege? Ein Altar? Wie ein Fels in der Brandung, umspült von weißen Nebelschwaden. Ein Stück Ewigkeit. Und trotzdem mit einer Seele erfüllt. Atmend? Ein Teil seiner eigenen Geschichte, die von Ritualen erzählt, die das Licht des Tages nie gesehen haben. Aber auch von wilden Nächten Liebender, von Hingabe und Ekstase, von Verzückung und Selbstaufgabe, von enthemmten Körpern, von wollüstiger Verausgabung, von brünftigen Schreien, strömendem Schweiß, heftigem, stoßweisem Atem und dem Gemisch aller Flüssigkeiten, die sich in göttlicher Trunkenheit vereinen.

Erwartungsvoll, zugleich aber unheilschwanger steht sie da. Schon seit einer guten Stunde. In der Dunkelheit hat sie Leute kommen gehört, einen nach dem anderen. Doch nun ist es schon eine Zeit lang still. Nur verhaltenes Atmen, hie und da ein Räuspern. Im Geiste geht sie die Liste zum hundertsten Male durch, die man ihr bei der vorbereitenden Sitzung ausgehändigt hat. Äußerlich und innerlich gereinigt solle sie sein, schon einige Tage zuvor einen strengen Diätplan hat sie eingehalten, ihren noch immer jugendlich wirkenden Körper hat sie sorgfältig enthaart, wie es verlangt war, ihre Haut mit anregenden Ölen eingerieben, ihre Brüste, ihre Schenkel und ihr Geschlecht mehrmals täglich mit heiß-kalten Wechselbädern gestrafft. Sie hat sich eigens neue Pumps angeschafft für diesen Abend. Und sie hat tagelang geübt, sich darin zu bewegen. Erfolgreich. Und auch das kurze Korsett läßt sich jetzt bis an seine Grenze schnüren. Beinahe mühelos. Sie weiß, daß hier nichts passieren wird, womit sie sich nicht ausdrücklich einverstanden erklärt hat. Trotzdem ist sie von einer tiefen Unsicherheit umfangen.

Jemand berührt zärtlich ihre Schultern. "Bist Du bereit?" fragt eine warme, feste Stimme. Sie atmet tief durch, nickt und spürt, wie sie leise zu zittern beginnt. Vor Aufregung - und auch ein wenig Angst. Daß sie eine handschuhweiche Augenbinde erhält, war ihr eigener Wille. Öffentlichkeit ist leichter zu ertragen, wenn man sie nicht wahrnimmt. Hat sie gedacht. Jetzt aber, wo sich das schwarze Leder an ihr Haupt schmiegt. jeden visuellen Reiz unterdrückt, ihr die Möglichkeit nimmt, Gefahren zu sehen, fröstelt sie ein wenig.

Sanfte, aber bestimmte Hände ergreifen sie und führen sie. Aufs Licht zu, das ihr jedoch verborgen bleibt. Obwohl sie weiß, was kommen wird, oder vielleicht gerade deshalb, sind ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. In ihrem Kopf hämmert es: "Halt! Schluß! Bis hierher und nicht weiter!" Aber ihre Beine bewegen sich von selbst. Die High Heels schmerzen längst nicht mehr und die strenge Taillenschnürung scheint wie selbstverständlich mit ihrem Körper verschmolzen zu sein. Das sie sonst nackt ist, hat ebenfalls jede Bedeutung verloren. Wie ferngesteuert tastet sie sich vor und setzt sich auf den Rand der Liege.

Die führenden Hände bringen ihren Oberkörper in die Waagrechte, plazieren sie, rücken sie zurecht. streichen flüchtig über ihre Wange, den Haaransatz, sagen damit: "Es ist gut so. Entspann Dich!" Und die Fingerkuppen massieren liebevoll die pochenden Schläfen. Der Druck im Kopf läßt augenblicklich nach. Die Sorgen werden klein.

Gleichzeitig setzt, kaum hörbar, der sonore Ton des DidgeriDoo ein. Der elektronische Hall läßt den vormals durch die Stille so eng empfundenen Raum plötzlich wachsen, zur Größe eines Doms anschwellen. Trotz der geringen Lautstärke wirkt der Schall durchdringend, fließt bis in die Enden der Nerven, vor allem aber in den Bauch und verursacht vibrierende Sensationen.

Der Zeremonienmeister nimmt bedächtig ihre Arme und Beine, eines nach dem anderen, und bindet sie an Ringen fest, die in der Dunkelheit liegen. Bereitwillig öffnet sie dazu die Schenkel, so weit, daß sich die Sehnen melden, streckt ihm ihre Gliedmaßen entgegen, fühlt, wie sich die Fesseln um ihre Gelenke legen, sie packen und festhalten.

Der Lichtkegel des Spots ruht auf ihr. Sie fühlt sich sicher, behütet und warm, zugleich hilflos und ausgeliefert, denn dies ist der Punkt, ab dem ein Davonlaufen nicht mehr möglich ist. Das Schicksal ist besiegelt. Das Spiel kann beginnen. Unendlich langsam, aber beängstigend stetig nimmt die Kraft des vibrierenden Schallrohres zu. Der Ton moussiert, steht im Raum, schwebt, bewegt sich, nach links, nach rechts, im Kreis, erfaßt die Körper der Anwesenden, spielt mit ihnen, wie die Hände des Meisters mit dem Körper der Frau spielen, während seine Stimme in ruhiger Monotonie in alten Versen das Bild einer mystischen Welt entstehen läßt. Eine Welt der gleißenden Gipfel und der dunklen Abgründe. Eine Welt, in der Schmerz und Lust sich vereinen, in der die Kraft aus der Vereinigung und die Freiheit aus der Selbstaufgabe kommt. Und die Musik, der sich nun auch eine Trommel mit langsamem, gleichförmigem Rhythmus angeschlossen hat, läßt Zeit und Raum vergessen, macht bereit für den Weg in diese Welt, macht sie vorstellbar, greifbar.

Im Einklang mit dem Saxophon, das anfangs noch in dunklen Farben, warm und einladend, später dann kraftvoll fordernd ins Geschehen eingreift, treibt der Meister sein Opfer, mit dem er längst eins geworden ist in den Schwingungen der schweren purpurnen Töne, vor sich her. den langen Weg durch die archaischen Gefilde ihrer Seelenlandschaft. Sein Gehilfe ist ihre Lust, die den Pfad vorgibt, kein Abweichen vom eingeschlagenen Weg zuläßt, sein Handwerkszeug sind seine Hände, die lederne Peitsche, das strahlend weiße Seil, die klirrende Kälte gefrorenen Wassers, die Hitze geröteter Haut, und er setzt ein, was immer es braucht, wonach immer ihr Körper verlangt, förmlich danach schreit, nicht mehr und nicht weniger, und sein Ziel ist die Ekstase, das Verschmelzen ihrer Empfindungen mit den seinen, und dann auch mit denen aller im Dunkel Agierenden, den Spielenden und den Zuhörenden, Zusehenden.

Die Musiker legen an Kraft zu, der Takt wird stetig schneller, die Bewegungen des Meisters kraftvoller, die Gangart härter. Der Frauenkörper, dessen Bewegungen, dessen Winden und Stöhnen ein Abbild der Musik geworden sind, der in gleicher Weise aber auch die Musik wiederum zwingend bestimmt, ist unter seinen Händen ein Instrument geworden wie das Saxophon. Ihre Laute, ihr Stöhnen, ihr Atmen, ihre Bewegungen, ihre Gedanken und Gefühle sind in perfekter Harmonie mit dem Geschehen. Und auch er ist nicht Herr, sondern nur Gehilfe des Rituals, nimmt jede Regung, jede Schwingung auf, spielt sie zurück, schaukelt sie auf, läßt es treiben. Mittlerweile haben sich alle im Raum mehr oder weniger den Ereignissen ausgeliefert, sich fallen gelassen, sind in Resonanz geraten. Die Trommeln hämmern unerbittlich wie rasende Lokomotiven, das Saxophon peitscht mit spitzen Schreien die aufgekratzte Menge, das DidgeriDoo wühlt, vom Verstärker mit geballter Macht versehen, unerbittlich in den Eingeweiden. Der Zeremonienmeister tut sein Werk, von Schweiß überströmt gibt er sein letztes.

Die Frau in der Mitte hat ihre Individualität längst aufgegeben und sich in andere Sphären ihres Bewußtseins begeben, schwebt über ihrem Leib, läßt sich auf einer mächtigen Woge von süßem Leid und grenzenlos erscheinender Lust dahintreiben, auf zu neuen Ufern. Die Gäste, die Musiker starren gebannt ins Zentrum, haben all ihre Sinne dorthin ausgerichtet, fühlen jeden Hieb, jede Berührung, sie sind Bestandteil des Rituals, Teil des Ganzen.

Letztlich werden sich die Emotionen dieses zu einem einzigen sensiblen Organismus verschmolzenen Häufchens Gleichgesinnter im Zentrum entladen. In dieser einen Frau, die für diesen Abend der Nabel jenes kleinen Universums ist. Und sie wird in diesem einen Höhepunkt einen von Zeit, Raum und Körper losgelösten, mit keinem anderen zu vergleichenden, gewaltigen Orgasmus erleben. Und alle, die dabei sind, werden es mit ihr.

Ende


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