Es war im September letzten Jahres
Von XKonrad
Es war im September letzten Jahres, als ich sie zum ersten mal
sah. Ich stand an der Garderobe eines noblen Hamburger
Restaurants. Der Page nahm gerade meinen Mantel entgegen und gab
der Dame neben mir einen kleinen roten Zettel mit einer Nummer.
Sie mußte kaum eine Minute vor mir angekommen sein. Ihr Blick
traf mich völlig unvorbereitet und ließ mich erstarren. Diese
tiefen braunen Augen hatten mich mit einer unglaublichen, fast überirdische
Macht ergriffen. Es war, als wäre ich zu einer lebenden
Wachsfigur geworden, nicht in der Lage mich zu bewegen oder zu
sprechen. Und sie, diese atemberaubend schöne Unbekannte, hatte
ein unsichtbares glühendes Eisen in der Hand, das sich in meinen
Unterleib bohrte und meine wächsernen Innereien zum schmelzen
brachte. "Hallo," der sanfte, gleichwohl feste Klang
ihrer Stimme war vertraut und gefährlich zugleich. Vertraut, wie
aus einer anderen Zeit, vielleicht vor meinem jetzigen Leben. Gefährlich
wie der Gesang der Lorelei oder der Nymphen der Odyssee, die auch
den erfahrensten Seemann ins sichere Verderben führen.
Eigentlich hielt ich mich immer für einen eher materialistisch
denkenden Menschen und habe nicht viel übrig für solche
romantisch esoterischen Verklärtheiten. Aber was ich in diesem
Moment spürte, war anders als alles was ich je zuvor erlebt
hatte. Ich erschrak. Eine bisher unbekannte innere Stimme sprach
zu mir: 'Ja! Du weißt wer sie ist. Du kennst Sie. Sie ist dein
Schicksal. Du bist gekommen dich ihr bedingungslos zu unterwerfen!"
Meine äußere Stimme war noch immer gelähmt. Ich erschrak über
meine eigenen Gedanken. 'So was Albernes!" protestierte eine
andere innere Stimme. "Ich bin selbständig und mein eigener
Herr! Ich werde mich niemandem unterwerfen!!! Keinem Chef, keinem
Staat, keinem Gott und schon gar nicht einer Frau!" Für
einen kurzen Moment hatte ich mein Selbstbewußtsein
wiedergefunden.
Ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Ein wissendes, überlegenes
Lächeln. Sie sah mir direkt in die Augen. Es entstand ein
peinlicher Moment der Stille. Zum Glück fiel mir mein Handy ein.
Ich rief den Jungen mit meinem Mantel noch einmal zurück. Als hätte
sie meinen inneren Dialog laut und deutlich gehört, sagte sie:
"Ich habe dich erwartet. Jetzt, da Du nach all den Jahren
der Verwirrung an deinem Ziel angekommen bist, willst Du deiner Göttin
nicht zum Dank die Füße küssen?" Das Handy das ich in
diesem Moment aus meiner Manteltasche gefummelt hatte, rutschte
mir vor Schreck aus der Hand und fiel auf den weichen,
dunkelroten Teppich. Ich starrte sie mit offenem Mund an. Hatte
sie das gesagt? Ich hatte zwar nicht gesehen wie ihre Lippen
diese Worte sprachen, weil ich zuvor krampfhaft versucht hatte
mich mit meiner Manteltasche abzulenken, aber wer sollte es sonst
gewesen sein? Obwohl aus dem Foyer Stimmengewirr herüberdrang,
war im Garderobenbereich niemand in hörbarer Entfernung.
Mein Schädel fing an zu pochen, meine Ohren brannten. Ich wußte,
ich war in diesem Moment feuerrot angelaufen. Ich war vollkommen
verwirrt, geradezu paranoid. Hatte mir etwa jemand im Flieger LSD
in den Orangensaft getan? Ich konnte einfach nicht glauben, was
ich da gehört hatte und stammelte ein tonloses: "Wie bitte?"
Ihr Lächeln wurde zu einem Grinsen, meine Verwirrung schien sie
zu amüsieren: "Ich habe sie gefragt, ob sie auch zu Max'
Geburtstagsfeier gekommen sind..."
"Äh..." aber mein Sprechapparat funktionierte immer
noch nicht.
"Wollen Sie es nicht aufheben? Es könnte leicht jemand
drauftreten, falls sie beabsichtigen es längere Zeit dort liegen
zu lassen." Ich blickte zu Boden, wo mein Handy genau vor
ihren hohen spitzen Schuhen lag. Sie sahen sehr elegant und
wertvoll aus, waren zweifarbig, braunbeige und aus einem Leder
gefertigt, das an Schlangenleder erinnert. Ein zartes Riemchen
ging um den schlanken Knöchel und eines über den Spann. Ihre
wohlgeformten Beine waren in dunkelbraune seidig glänzende
Nylonstrümpfe gehüllt. Sie trug ein enganliegendes,
cremefarbenes Kostüm, dessen Rock eine Handbreit über dem Knie
endete.
Ich schluckte. Seit meiner Kindheit hatte ich immer von einen
solchen Moment geträumt, ihn herbeigesehnt und ihn zugleich gefürchtet
und gehofft, er würde nie eintreffen. Ich fühlte mich wie
damals, als ich ein kleiner Junge war, in Todesangst auf der
Plattform des Zehnmeterturms stand und mir die Trillerpfeife des
Bademeisters und die hämischen Angsthase-Rufe der Mitschüler in
den Ohren dröhnen. "Doch... ja natürlich..." sagte
ich und sah kurz hinüber zu dem Pagen, aus Angst er könne dies
alles beobachtet und angehört haben.
Tatsächlich sah er mich erwartungsvoll an, aber ich merkte, das
es ihm nur um den Mantel ging, also gab ich ihm denselben. Er
ging damit gemächlich zu einem der weiter entfernteren
Garderobenständer. Gut, ein Zeuge weniger. 'Ruhig Junge...',
sagte ich mir, 'du mußt dich doch nur bücken und das Ding
aufheben. Is' doch 'n Witz! Was ist denn los mit Dir!? Was machst
du dir ins Hemd? Es wird nichts passieren was Du nicht willst...'
"Nun...?" Sie sah mich immer noch an. Ihr Blick hatte
nun etwas strenges, etwas forderndes. Sie senkte das Kinn ein
wenig und fixierte mich. Ihre samtigen, vollen Lippen öffnete
sich leicht und in ihren Nasenflügeln zeigte sich ein leichtes
Beben. Sie hatte mein zentrales Rechenzentrum voll unter
Kontrolle und das unsichtbare glühende Eisen machte sich nun in
meinen Beinen bemerkbar. Hilflos spürte ich wie meine Knie immer
weicher wurden. Obwohl ich gelenkig genug bin ohne Anstrengung
Dinge mit gestreckten Beinen aufzuheben, sank ich, ohne es zu
wollen, bis meine Knie den Boden erreichten und mit dem Gesäß
auf den Fersen saß. Ich sah zu ihr hinauf. Eine bisher
unbekannte Erregung stieg in mir auf. 'Diese Frau ist von
wahrhaft göttlicher Schönheit', sagte die selbe Stimme die mir
zuvor ankündigte, dies sei die Frau, der ich mich zu unterwerfen
hätte.
Ich beugte mich, wiederum ohne es zu wollen nach vorne, so weit
als ginge es nicht darum mein Handy aufzuheben, sondern als wäre
ich halbblind und müßte zwischen ihren Schuhen meine verlorene
Kontaktlinse suchen. Das Handy lag genau in der Mitte zwischen
ihren beiden Füßen, die jetzt nicht mehr als jeweils 15 cm von
mir entfernt waren. Ich konnte die Wärme ihrer Haut spüren und
den feinen Geruch des kaum getragenen Leders. Als meine Nase
schon fast das Display meines Handys berührte sah ich wie sich
die Spitze des linken Schuhs anhob und auf dem Absatz in meine
Richtung drehte. In diesem Moment bemerkte ich die mächtige
Erektion in meiner Hose. Es kribbelte wie kleine Stromschläge in
meinen Hoden.
Hier stand sie vor mir, die schönste und erhabenste Frau die je
auf dieser Erde wandelte und erlaubte mir ihre Schuhspitze zu küssen.
Langsam näherten sich meine zitternden Lippen diesem seit frühester
Kindheit ersehnten Objekt der Begierde. Die starke innere Stimme,
die mich noch vor einer Minute daran erinnerte, das ich ein
starker, mächtiger und selbstbewußter Mann sei, brachte nur
noch ein kläglich flehendes: 'Nein, tu's nicht!' hervor. Zu spät!
Meine heißen Lippen berührten das Leder. In diesem Moment hob
und drehte sie den Fuß weiter, so daß der vordere Teil der
Spitze meine Oberlippe gegen die Zähne drückte und in meinen
Mund eindrang, bis ich die Unterseite ihre Sohle auf meiner Zunge
spüren konnte - nebst eines leichten Blutgeschmacks, der wohl
von meiner leicht verletzten Oberlippe stammte.
In diesem Augenblick begann mein ganzer Körper unkontrolliert zu
vibrieren, etwas schoß mir wie eine Leuchtrakete in den Kopf
prallte an meiner Schädeldecke ab, und explodierte in meinem
Unterleib. Das war der gewaltigste Orgasmus meines Lebens.
"Oh", sagte sie, scheinbar erschrocken. "Habe ich
sie etwa berührt?" Ich sah wie in Trance nach oben. Hinter
ihr stand mein Freund Max, zu dem sie sich halb umgedreht hat.
"Nein - nein, nichts passiert..." stammelte ich.
"Hey Mann", sagte er, "was machst Du denn da
unten?" Da er sich ihr von hinten genähert hatte, bestand
Hoffnung das er das eben geschehene nicht beobachten konnte.
Zudem war alles rasend schnell gegangen.
Ich wunderte mich über meine eigene Schlagfertigkeit: "Tja,
mein Handy... Ich hab mich danach gebückt und dann ist mir
schwindelig geworden. Hab' letzte Nacht kaum geschlafen und nix
gegessen."
Er sah mich prüfend an: "Siehst 'n bißchen zerschossen
aus, Alter. Wird Zeit, das ich euch an eure Plätze bringe -
damit Du was in'nen Magen kriegst." Er klopfte mir auf die
Schulter. Ich war erleichtert, er hatte nichts bemerkt. "Ach,
hab ich dir Sarah eigentlich schon vorgestellt?" Ich schüttelte
den Kopf. "Konrad, das ist Sarah. Sarah, das ist Konrad."
Wir gaben uns die Hand. Sie war in diesem Augenblick wie
ausgewechselt. Ein liebes Mädchen geradezu. Ihre Augen fixierten
mich nicht mehr, sondern wanderten beinahe schüchtern umher. Von
der bedrohlich mächtigen Frau, die mich vor wenigen Sekunden
noch in die Knie gezwungen hatte, war nichts mehr zu spüren.
"Hallo."
"Freut Mich."
"Ebenso."
Max führte uns zu unseren Tischen. Ich wußte nicht, wie ich in
diesem Zustand intelligente Konversation führen sollte. Ich war
total durcheinander. Was hatte das alles zu bedeuten? War sie in
Wirklichkeit nur das liebe Mädchen, das schließlich zwei Tische
weiter an ihrem zugewiesenen Platz setzte? Hatte ich mir ihre
Worte nur eingebildet? Hatte sie ihren Fuß nur bewegt, weil sie
sich zu meinem Freund umgedreht hatte? Waren die starke Frau und
ihre Absicht vielleicht nur ein Wunschtraum? Halluzinationen aus
Übernächtigung und jahrzehntelanger Unterdrückung meiner
geheimsten Begierden geboren?
Es stimmte, das ich nicht geschlafen hatte. Am Tag zuvor nach der
Vorstandssitzung war ich spät nach Hause gekommen und habe nicht
gleich einschlafen können. Auch das konnte ich mir nicht erklären.
Ich habe sonst einen sehr gesunden Schlaf, dem auch diese
Sitzungen, die inzwischen Routine geworden waren, nichts anhaben
konnten. Trotz durchwachter Nacht hatte ich mich entschlossen den
ersten Flieger zu nehmen um pünktlich zu diesem Brunch in
Hamburg zu sein. War es also der Schlafentzug, der diese
Halluzination ausgelöst hatte? Oder konnte ich nicht schlafen
weil ich eine unbewußte Ahnung hatte?
Max wußte nicht und wird nie erfahren, wie dankbar ich ihm für
seine Rettung in der Garderobe war. Insgeheim spürte ich aber,
das es schon jetzt zu spät zur Flucht und das diese Rettung
bestenfalls ein Aufschub des Unvermeidlichen war. Die Feier hatte
ja gerade erst begonnen...
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