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Die Belagerung

von Minuit (© 1998)

Sandra spürte, dass es wieder da war.

Lautlos schob sie die Bettdecke beiseite und setzte einen nackten Fuss auf den Bettvorleger, schob sich vorsichtig an den Bettrand um Armin nicht durch ein unvermutetes Wippen der Matratze zu wecken. Er durfte nichts davon erfahren, dass sie nachts aufstand um Ausschau zu halten, durfte nichts von der Gefahr wissen, die sie belauerte. Das war ganz allein ihre Sache. Das Ding war ihretwegen gekommen.

Ganz langsam, als machte sie eine Turnübung, richtete sie sich auf, wischte das lange blonde Haar aus dem Gesicht und setzte einen Fuss auf den nackten Parkettboden. Armin schlief und wie immer schnaufte er leise im Schlaf - ein halbes Schnarchen, das nie wirklich laut wurde. Sie fühlte, wie ein diffuser Groll in ihr aufstieg. Armin existierte nur in zwei Bewusstseinszuständen: Entweder er arbeitete Tag und Nacht oder er schlief wie ein Sack. Für einen Bewusstseinszustand, der auf Sandra Rücksicht genommen hätte, war in seinem Leben kein Platz - und das nach drei Jahren Ehe! Manchmal fragte sie sich, wie ihre Ehe nach sieben oder zehn Jahren aussehen würde. Vielleicht würde er bis dahin nicht nur im Bett, sondern überhaupt vergessen haben, dass sie existierte - würde sie betrachten wie ein altgewohntes, aber eigentlich nicht benötigtes Möbelstück, das in einem Winkel Staub sammelte.

Sie stieg über einen Streifen Mondlicht hinweg, als könnte ihr Schatten sie verraten, senkte die Zehen und dann den restlichen Fuss in den weichen Flor des Wohnzimmerteppichs. Durch das breite Fenster des Wohnzimmers drang eine kalt glänzende Mischung aus Mond- und Neonlicht herein und als sie an die Scheibe trat, konnte sie das Ding ganz deutlich sehen.

Es hatte sich über die Hälfte des gepflegten Vorgartens mit seiner Blautanne, dem Rosenbusch und dem kurz geschorenen Rasen ausgebreitet - eine widerlich zuckende, formlose Masse, die an den Rändern zu langen Tentakeln auszipfelte und sich stellenweise zu obszön wirkenden roten Öffnungen auftat, als wollte es etwas aus der leeren Luft schlucken. Bei dem gemischten Licht war schwer zu sagen, welche Farbe es eigentlich hatte - vermutlich eine Art Rosa und Braun, da und dort auch ein Scharlachrot, das aber im Zwielicht wie Schwarz wirkte. Bei der unablässigen Bewegung, in der es sich befand - einer gierigen Bewegung, dachte Sandra - war schwer zu erkennen, ob es überhaupt eine stabile Form hatte oder nur ein grosser, belebter Klecks unbekannter Materie war.

Mit seinen unzähligen lang bewimperten Mäulern, die sich beständig öffneten und schlossen, erinnerte es an eine See-Anemone und wie eine solche hatte es auch Dutzende stummeliger gelber Arme, die in der Nachtluft herumfischten und -angelten, als suchten sie nach Beute. Es schien aber intelligenter als eine See-Anemone zu sein, denn als Sandra es durch die blank geputzte Scheibe des Fensters hindurch anblickte, wusste sie, dass sie ihrerseits beobachtet wurde, auch wenn das Ding keine erkennbaren Augen hatte. Sie rätselte, ob das, was sie für Münder gehalten hatte, vielleicht die Augen waren, die sich öffneten und schlossen - oder waren die rötlichen Spalten, die ihr wie Augen erschienen , Genitalien?

Jedenfalls machte das Ding - das Wesen - einen unmissverständlich erregten Eindruck. Es hatte zwar nichts, was deutlich als Geschlechtsteil zu erkennen gewesen wäre, aber die ganze Art, wie es zuckte und zitterte, wie es sich blähte und anschwoll und seine Mäuler - oder Augen - oder sonst etwas - vorstülpte, hatte etwas Lüsternes an sich, ebenso wie die Bewegung, mit der es sich an den Boden schmiegte, sich an die Erde presste, da und dort einen braun-rosa Saum mit scharlachroten Flecken hob, als wollte es ihn einem unsichtbaren Partner darbieten ... Es gab Momente, da erinnerte es Sandra an eine Orchidee, eine riesenhafte, fleischige Orchidee mit rosa Blütenblättern und roten und braunen Leopardenflecken darauf, wüst und schön, aber auch Momente, in denen es ihr wie ein schleimiger Haufen Unrat erschien, der Auswurf einer finsteren Kloake, der sich zähklebrig in ihrem sauberen und gepflegten Vorgarten ausbreitete.

Sie war, dachte sie in einer jähen Gedankenverbindung, wie dieser Vorgarten, sauber und gepflegt, übersichtlich, von allem Wildwuchs beschnitten und frei von Ungeziefer ... aber nun war dieses Ding gekommen, das ihr Haus belagerte und sie bedrohte. Sie wusste, was es wollte, sie spürte es an seinen lüsternen Bewegungen, seinem An- und Abschwellen, seiner feisten Konsistenz - es war hinter ihr her, es gierte danach, in sie hineinzuschlüpfen und sie zu verschlingen ... und was dann? Was würde es mit Armin tun, der mit seinem schlappen Workaholic-Zipfel doch nie und nimmer in der Lage wäre dieses gewaltige Bedürfnis zu befriedigen? Würde es ihn töten? Ihn verzehren? Ihn als Ganzes in sich hinabschlucken, nachdem seine Teile ihr nicht genügten?

Sandra fröstelte. Sie sah stumm und reglos zu, wie das Ding seine Lockungen aussandte ... und sie spürte die Antwort in ihrem eigenen Körper, den Gleichklang in ihrem Schoss, der sich pulsierend zu öffnen begann. Wenn sie das Fenster öffnete, was würde dann geschehen? Würde es mit einer einzigen schnellen Bewegung zu ihr hereinschlüpfen, sein Wesen mit dem ihren vereinigen? Und was dann, wenn diese fürchterliche Begierde sich Armin näherte, den Rand des Bettes erklomm, ihn aus seinem von Karriereträumen erfüllten Schlummer riss um sich - eine lebensbedrohende Forderung - vor ihm aufzubäumen?

Sandras Hand tastete nach dem Riegel des Fensters.

Ende


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